Wie steigern wir die Impfquote?

Schaffen wir es, nochmal Gas zu geben für den Impf-Endspurt? Bald wird vermutlich ein Booster-Marathon folgen. (Ammentorp / Dreamstime.com)

Erinnern Sie sich an die ersten Monate dieser Pandemie? An den ersten Lockdown im Frühling letzten Jahres?

Damals war noch völlig unklar, ob es überhaupt möglich sein wird, Impfungen gegen SARS-CoV-2 zu entwickeln. Experten schätzten aufgrund bisheriger Erfahrungswerte, dass es vier bis fünf Jahre dauern könnte.

Dann ging’s glücklicherweise verblüffend schnell. Dank Aufmerksamkeit, signifikanter Investitionen, effizienterer Zulassungsverfahren und Hochfahren von Produktionskapazitäten standen uns bald mehrere hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung. Milliarden von Dosen sind unterdessen bereits verabreicht worden.

Die Impfstoffe haben den Beweis ihrer Wirksamkeit und Sicherheit dabei sehr deutlich erbracht. Doch zeigt sich auch, dass sie kein Allheilmittel sind. Insbesondere dann nicht, wenn beachtliche Teile der Bevölkerung auf eine Impfung verzichten.

Selbst Länder mit hohen Impfraten erleben wieder starke Ausbrüche mit der Delta-Variante. In den USA sind aktuell etwa 60% der Bevölkerung geimpft, trotzdem liegen nun vielerorts mehr Menschen auf den Intensivstationen als jemals zuvor während der Pandemie. Und selbst Island mit einer Impfquote von über 70% sah nochmal einen schnellen Anstieg der Fallzahlen (der unterdessen aber gebändigt scheint).

Weshalb lassen sich so viele nicht impfen? Weshalb schlagen sie ein Privileg aus, von dem weite Teile der Erdbevölkerung weiterhin nur träumen können?

Was sind die Einwände der Impfunwilligen?

Schauen wir uns einige der Einwände genauer an.

“Aber auch Geimpfte stecken sich an!”
Ja, auch Geimpfte können noch infiziert werden. Genauso wie auch Autofahrer, die einen Sitzgurt tragen, noch in Unfälle geraten können und sich verletzen. Der entscheidende Punkt hier ist die Wahrscheinlichkeit. Geimpfte haben eine deutlich tiefere Wahrscheinlichkeit, angesteckt zu werden. Noch viel wichtiger ist, dass Geimpfte viel bessere Chancen haben, die Infektion ohne schwerwiegende Gesundheitsfolgen zu überstehen (mehr dazu im nächsten Einwand).

Diese Zeichnung illustriert mit einer grossartigen Analogie, weshalb “Auch Geimpfte können sich anstecken!” kein schlagendes Argument gegen die Impfung ist.

“Ha! Siehst Du!? Ein Pfeil hat Dich trotzdem getroffen!! Sieht aus als hätte ich Deine Rüstung doch nicht benötigt.” (Quelle)

“Aber es liegen auch Geimpfte im Spital!”
“Die Hälfte der Hospitalisierten sind geimpft, daher spielt es gar keine Rolle, ob man sich impfen lässt oder nicht.”, hört man immer wieder. Sowohl die Zahl als auch die Schlussfolgerung ist völlig falsch.

In der Schweiz sind aktuell weniger als 10% der COVID-19-Hospitalisierten vollständig geimpft. Dieser Anteil steigt tendenziell, wenn ein Land höhere Impfquoten erreicht. Aber die absolute Zahl der Hospitalisationen geht runter.

Ein einfaches Beispiel zur Veranschaulichung: Nehmen wir an, in einem Dorf mit 1'000 Bewohnern sind 900 geimpft und 100 ungeimpft. Über einen gewissen Zeitraum benötigen 20 Personen Spitalbehandlung. 10 von ihnen sind geimpft, 10 ungeimpft. Die Hälfte der Hospitalisierten ist also geimpft. Bedeutet dies nun, dass die Wahrscheinlichkeit, durch die Impfung vor Hospitalisierung geschützt zu werden, 50% beträgt? Nein!

Wir müssen auch beachten, wie viele Geimpfte und Ungeimpfte überhaupt die Chance hatten, im Spital zu landen. Von den 900 Geimpften mussten 10 hospitalisiert werden, das sind 1.1%. Von den 100 Ungeimpften mussten ebenfalls 10 hospitalisiert werden, aber hier sind das 10.0%! Die Ungeimpften hatten also ein neunmal höheres Risiko, hospitalisiert zu werden.

Das Nachbardorf hat auch 1'000 Einwohner. Da sind aber restlos alle geimpft. 11 Hospitalisationen gab es dort in derselben Periode. Alle geimpft, 100% der Hospitalisierungen! Spricht das gegen die Impfung? Nein, im Gegenteil. In diesem Nachbardorf gab es nur etwa halb so viele Hospitalisationen, dank der Impfung.

In der Schweiz sehen wir deutlich, dass Geimpfte sehr gut geschützt sind vor schwerer Krankheit. Ungeimpfte haben eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, Spitalbehandlung zu benötigen.

Daten zu Hospitalisierungen nach Impfstatus zeigen deutlich, dass ungeimpfte über 60-Jährige aktuell ein etwa fünfzigmal höheres Risiko einer Hospitalisierung haben als geimpfte. (Quelle)

“Aber die Wirkung der Impfung lässt über Zeit doch nach!”
Eine neue Studie aus Israel zeigt tatsächlich, dass die Zahl der Antikörper im Blut nach einer Impfung über Zeit abnimmt, zumindest beim Pfizer/BioNTech-Impfstoff. Anfänglich ist die Zahl der Antikörper bei Geimpften höher als bei Genesenen, aber über Zeit nimmt sie in der ersten Gruppe schneller ab.

Die Zahl der Antikörper ist aber nicht der einzige relevante Faktor, der den Schweregrad des Krankheitsverlaufs beeinflusst (B- und T-Zellen unseres Immunsystems bleiben länger aktiv, wie eine weitere Studie beobachtete). Eine internationale Studie desselben Impfstoffs fand heraus, dass der Schutz vor Krankheit von einem anfänglichen Höchstwert von 96% auf 84% sinkt nach vier bis sechs Monaten. (Alle drei Studien sind Pre-Prints, die den Peer-Review-Prozess noch nicht durchlaufen sind.)

Da Israels Impfkampagne so früh startete und mit den ältesten und am stärksten gefährdeten Einwohnern begann, hat nun genau diese Gruppe den über Zeit am deutlichsten reduzierten Schutz. Die Krankenhauseinweisungen nehmen wieder stark zu und betroffen sind vor allem über 60-Jährige, deren Impfungen fünf Monate oder länger zurückliegen.

Israel hat daher bereits begonnen, dritte “Booster”-Impfungen zu verabreichen. Die USA planen dies ebenfalls.

Obwohl die Wirkung der Impfung über Zeit abnimmt, sind Geimpfte weiterhin viel besser vor schwerer Krankheit geschützt als Ungeimpfte. Auch dies zeigt sich in Israel.

“Aber jeden Tag hört man von neuen Nebenwirkungen der Impfung!”
Die meisten Geimpften haben keine oder milde Nebenwirkungen. Für wenige Tage können Fieber, Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen auftreten. Zudem kann der Arm um die Einstichstelle für ein bis zwei Tage etwas schmerzen.

Stärkere Nebenwirkungen sind extrem selten. Aber ja, es gibt sie. Doch treten diese Krankheitsbilder bei einer Infektion mit dem Virus typischerweise viel häufiger auf als bei einer Impfung. Wer also damit rechnet, früher oder später angesteckt zu werden, reduziert mit der Impfung das Risiko dieser Nebenwirkungen drastisch.

So gab es grosse Sorgen bezüglich Blutgerinnseln. Eine aktuelle Studie aus Spanien (auch ein Pre-Print) fand heraus, dass Blutgerinnsel nach einer ersten Impfung mit dem AstraZeneca- oder Pfizer/BioNTech-Impfstoff bei zwei bis acht von einer Million Geimpften vorkommen, 1.3-mal mehr als üblich. Bei mit dem Coronavirus Infizierten traten diese Blutgerinnsel aber achtmal häufiger auf als sonst erwartet! Das Virus ist in Bezug auf Blutgerinnsel also viel gefährlicher als die Impfung.

Eine weitere stark diskutierte Nebenwirkung sind Herzmuskelentzündungen bei jüngeren Menschen (der Fachbegriff Myokarditis wird häufig genannt). Eine aktuelle Studie (wiederum ein Pre-Print) untersuchte die Häufigkeit dieser Entzündungen bei Teenagern. Auf eine Million männliche 12–17-Jährige gerechnet fand sie 77 Fälle von Myokarditis, die Moderna- oder Pfizer/BioNTech-Impfungen zuzuschreiben waren. Bei einer Million COVID-Erkrankter derselben Altersgruppe traten dagegen 450 Fälle auf. Eine Infektion ist also etwa sechsmal gefährlicher als eine Impfung.

Aber was ist mit Langzeitfolgen? Dazu möchte ich dieses Video von Kollege Moder empfehlen. Er erklärt darin, weshalb bei Tests von Impfungen die Zahl der Studienteilnehmer viel wichtiger ist als die Länge des Beobachtungszeitraums. Und warum es unwahrscheinlich ist, dass nach mehr als zwei Monaten noch neue Nebenwirkungen entdeckt werden.

“Aber ist man nach einer Ansteckung mit dem Virus nicht besser geschützt als nach einer Impfung?”
Zu dieser Frage gibt es unterschiedliche Daten abhängig davon, welcher Teil unseres Immunsystems betrachtet wird, wie alt Patienten sind und wie lange eine Impfung oder Infektion zurückliegt. In jedem Fall ergibt es aber wenig Sinn, sich mit dem Virus anzustecken, um sich vor genau dieser Ansteckung zu schützen.

“Aber ob ich mich impfen lasse oder nicht, ist doch meine ganz eigene, persönliche Entscheidung. Das betrifft sonst ja niemanden.”
Es stimmt, dass eine Impfung vor allem einen selbst schützt vor schwerem Krankheitsverlauf. Aber nicht nur.

Eine Studie aus England berechnete beispielsweise, dass bei Geimpften die Wahrscheinlichkeit, das Virus weiterzugeben, auf die Hälfte sinkt bereits nach der ersten Impfdosis. Dazu waren Daten tatsächlicher Ansteckungen von Mitgliedern desselben Haushalts im Januar und Februar dieses Jahres untersucht worden. Das war also noch vor der Delta-Variante.

Mit Delta zeigte sich, dass die Viruslast in den ersten Tagen bei infizierten Geimpften in etwa gleich hoch ist wie bei Ungeimpften. Doch neue Daten verraten nun, dass die von Geimpften ausgestossenen Viren weniger vermehrungsfähig und damit auch weniger ansteckend sind. Denn Antikörper “verkleben” die Oberfläche des Virus. Zudem fällt bei Geimpften die Viruslast schneller ab als bei Ungeimpften.

Geimpfte stellen also für andere eine geringere Gefahr dar als Ungeimpfte, weil sie das Virus weniger häufig weitergeben.

Die Konsequenzen des Nichtimpfens für andere hören hier aber noch nicht auf. Wie wir bereits weiter oben gesehen haben, benötigen Ungeimpfte viel häufiger Spitalbehandlung. Damit tragen sie zu der Überlastung unseres Gesundheitssystems bei, unter der alle leiden, die auf medizinische Versorgung angewiesen sind. Dazu gehören Krebspatienten genauso wie Unfallopfer oder Menschen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Sie können nicht mehr adäquat behandelt werden, wenn Krankenhäuser mit COVID-19-Patienten ausgelastet sind. Diese Einbussen bei der Behandlungsqualität betreffen Geimpfte und Ungeimpfte gleichermassen.

Hinzu kommen noch all die unnötigen Kosten und das Leid, welche die Behandlung ungeimpfter COVID-19-Patienten sowie die zur Eindämmung der Epidemie zusätzlich nötig werdenden Massnahmen auslösen. Wären mehr Menschen geimpft, so könnten wir vermutlich auf eine ausgeweitete Zertifikatspflicht und erneute Schliessungen verzichten.

Wie erhöhen wir die Impfquote?

Anfang Jahr war Impfstoff in der Schweiz noch knapp und viele Impfwillige mussten sich gedulden. Unterdessen ist mehr als genug Impfstoff vorhanden und Impftermine bleiben ungenutzt. Es fehlt an Impfbereitschaft.

Die Schweiz ist unterdessen Schlusslicht bei den Impfraten unter vergleichbaren Ländern. Die Impfgeschwindigkeit hat seit ihrem Höhepunkt Mitte Juni stark abgenommen.

Anteil der Bevölkerung, der vollständig oder teilweise geimpft ist. Die Schweiz hinkt anderen Ländern in Sachen Impfquote hinterher. (Quelle)
Anzahl verabreichte Impfdosen pro Tag. Mitte Juni hatten wir einen 7-Tage-Schnitt von über 90'000 Dosen pro Tag erreicht. Unterdessen sind es etwa 20’000 pro Tag. (Quelle)

Die Impfung löst wie erwähnt nicht alle Probleme. Aber sie ist eines der effektivsten Mittel, um Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfälle zu senken und endlich wieder zu einem vollständig normalen Leben zurückzukehren.

Um die Impfquote zu steigern, müssen wir die Ungeimpften zum Pieks motivieren.

Wie erreichen und überzeugen wir die Ungeimpften?

Wir dürfen nicht alle Ungeimpften in denselben Topf werfen. Nicht alle Ungeimpften sind Impfgegner oder Impfverweigerer. Wir brauchen unterschiedliche Strategien für verschiedene Gruppen.

Schauen wir uns einige der prominenten Gruppen genauer an.

Verschwörungstheoretiker
Einige erkennen hinter dem Virus, den Massnahmen und insbesondere den Impfungen diverse böse Verschwörungen. “Die Staatsoberhäupter sind längst durch Reptiloiden ersetzt worden, welche uns mit Mikrochips in den Impfungen kontrollieren und knechten wollen über das 5G-Netzwerk! 3G ist erst der Anfang!”

Die Theorien sind so abwegig und sogar in sich selbst so inkonsistent, dass sie einer kritischen Betrachtung nicht mal einige Sekunden standhalten. Wer sie trotzdem noch ernsthaft vertritt, hat sich von Rationalität längst verabschiedet.

Diese (wie ich vermute sehr kleine) Gruppe müssen wir daher wohl abschreiben; sie lassen sich von logischen Argumenten nicht beeindrucken.

Der einzige Weg, sie von der Teilnahme an Massnahmen zu überzeugen, scheinen konkurrierende Verschwörungstheorien zu sein. So riefen einige Maskenverweigerer plötzlich zum Tragen von Masken auf, als sie sich vor von Geimpften angeblich ausgestossenen Spike-Proteinen fürchteten. Und ein paar Scherzkeksen gelang es, Massnahmenkritiker an einer Demonstration zum Masketragen zu bewegen, um ihre Identität vor den Kameras der Polizei zu verbergen. Ob der Zweck hier die Mittel heiligt, ist eine interessante Frage. Ich halte es generell nicht für sinnvoll, Glauben an ungerechtfertigte Theorien zu fördern, selbst wenn diese erwünschtes Verhalten begünstigen.

Esoterikerinnen
Diese Gruppe scheint überwiegend aus Frauen zu bestehen. Sie stehen Wissenschaft und Schulmedizin grundsätzlich skeptisch gegenüber und verlassen sich lieber auf ihre eigenen Gefühle. “Ich ernähre mich gesund und lebe im Einklang mit der Natur, das Virus kann mir daher nichts anhaben. Genmanipulierte Chemikalien der Pharmaindustrie lasse ich nicht in meinen Körper!”

Gegen gesunde Ernährung ist nichts einzuwenden. Aber weder Verzehr von Gemüse noch Tanzen im Wald garantieren Schutz vor einer Erkrankung mit COVID-19. Und selbst ein “gutes Immunsystem” (was auch immer das bedeuten mag) ist nicht gewappnet gegen ein neues Virus, welches es noch nicht kennt.

Auch diese Gruppe werden wir nur schwer überzeugen können. Eine “unnatürliche” Impfung zu akzeptieren, würde an den Grundfesten ihres Weltbildes und ihrem Selbstverständnis rütteln. Zu so einem grossen Sprung sind sie kaum bereit, selbst wenn sie einzusehen beginnen, dass die Impfung aus pragmatischer Sicht die richtige Wahl wäre.

Der Druck des Umfeldes spielt hier ebenfalls eine Rolle. In ländlichen Gebieten der USA zeigt sich das Phänomen der heimlichen Impfungen. Menschen schleichen sich teilweise in Verkleidung in Impfzentren, um zu verhindern, dass ihr Freundeskreis von diesem blasphemischen Akt erfährt.

Zäche Siechen
Diese Einstellung ist vorwiegend in der männlichen Bevölkerung anzutreffen, sozusagen das Pendant zu der vorherigen Gruppe. Sich impfen zu lassen, sehen diese starken Kerle als Zeichen von Schwäche, welches ihre Männlichkeit in Frage stellt. Wer “zäch” ist, hat die Impfung doch nicht nötig, ist von niemandem abhängig, braucht keine Hilfe, stemmt alles ganz alleine. “Ich bin stark und hab einen gesunden Körper, mir kann dieses lächerliche Virus nichts anhaben. Wenn ich mich anstecke, dann werd ich locker damit fertig!” Selbst einer unserer Bundesräte hat sich öffentlich dazu bekannt, diesem Kreis anzugehören.

Schwere Verläufe bei jungen, gesunden Menschen kommen tatsächlich nicht häufig vor. Jedoch sind einige Vertreter dieser Gruppe alles andere als jung und gesund. Und selbst durchtrainierte Athleten können Spitalbehandlung benötigen oder müssen aufgrund von COVID-Beschwerden monatelange Sportpausen einlegen. Trotz unterdessen diverser bekannter Beispiele “starker Männer”, die das Virus erst öffentlich verharmlosten und schliesslich daran verstarben, bleiben viele ihrer Gesinnungsgenossen überzeugt, dass es sie nicht treffen wird.

Wir werden sie nicht überzeugen können, eine eigene Verwundbarkeit anzuerkennen. Aber vielleicht können wir sie an ihre Rolle beim Schutz von anderen erinnern. Fühlen sie sich nicht verantwortlich für das Wohlergehen ihrer Eltern, ihrer Onkel und Tanten, ihrer Geschwister, ihrer Kinder, ihrer Freunde? Die Angst vor einer kleinen Spritze wird sie doch sicher nicht davon abhalten, ihre schwächeren Familienmitglieder vor einer gefährlichen Krankheit zu schützen, oder?

Freiheitskämpfer
Die Liebhaber der Freiheit wollen sich gar nichts vorschreiben lassen. Sie möchten selbst entscheiden können und beschwören die Eigenverantwortung. “Es kann doch jeder selbst entscheiden, ob er sich schützen will. Zwang vom Staat ist Diktatur!”

Dass das mit der Eigenverantwortung leider nicht so gut klappt, haben wir immer wieder gesehen. Selbst ein Ständerat wollte trotz Symptomen an der Hochzeit seiner Tochter teilnehmen. Er verpasste die Feier nur, weil er Schwindel hatte, “plötzlich auf dem Boden lag” und ins Spital musste. Er verbrachte schliesslich sechs Tage auf der Intensivstation. Mit einem weniger schweren Verlauf hätte er wohl auf der Hochzeit fleissig andere angesteckt.

Einen generellen Impfzwang halte ich trotzdem nicht für sinnvoll. Wir sollten es niemandem verbieten, sich in eine Höhle zurückzuziehen und ungeimpft zu bleiben. Aber das bedeutet nicht, dass die Gesellschaft sich nicht schützen darf vor dem verantwortungslosen Verhalten weniger.

Beispielsweise mit einer Zertifikatspflicht für die Teilnahme an Veranstaltungen und den Besuch von Restaurants und ähnlichen Einrichtungen. Führt dies zu einer Zweiklassen-Gesellschaft, in der Ungeimpfte bestraft werden? Nein, darum geht es nicht. Der Zweck einer Fahrausweispflicht ist auch nicht, Leute ohne Fahrkenntnisse zu bestrafen. Nein, wir verlangen gewisse Voraussetzungen für die Teilnahme an bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens, um uns alle zu schützen — und zwar Menschen mit und ohne Fahrausweis. Es besteht keine “Fahrlernpflicht”, auch nicht durch irgendwelche Hintertüren. Jeder kann sich entscheiden, das Führen eines Motorfahrzeuges nicht zu erlernen. Er schränkt damit aber ein, wie er sich fortbewegen kann.

Die Freiheit des einen endet bekanntlich dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Und wie wir in diesem Text bereits mehrfach aufgezeigt haben, bringen die Entscheidungen einzelner eben auch Konsequenzen für andere mit sich. Eine Gesellschaft muss die Entscheidungen akzeptieren, aber nicht ihre Konsequenzen. Vor denen darf sie sich schützen. Und dies bedeutet eine Einschränkung der Freiheit der Freiheitskämpfer, nämlich ihrer Freiheit, anderen zu schaden.

Skeptiker
Viele Menschen trauen der Impfung einfach nicht so recht über den Weg. Sie ist ihnen noch zu neu. Sie warten lieber noch etwas ab. “Ich bin doch kein Versuchskaninchen! Wer weiss, was da alles drin ist? Vielleicht sterbe ich deswegen in zehn Jahren.”

Einige trauen den neuartigen mRNA-Impfstoffen nicht und warten lieber auf konventionelle Impfstoffe. Dabei sind mRNA-Impfstoffe gar nicht so neu, bereits seit drei Jahrzehnten wird an ihnen geforscht. Zudem setzt man den Körper mit mRNA-Impfstoffen nur einem kleinen Teil des Virus aus, dem sogenannten Spike-Protein an der Virusoberfläche, welches das Virus nutzt, um in Zellen einzudringen. Kennt unser Immunsystem das Spike-Protein, so ist es gewappnet, um später auch das Virus zu erkennen und zu neutralisieren. Bei konventionellen Impfstoffen dagegen kommen abgeschwächte oder abgetötete Viren zum Einsatz. Warum würde man warten, bis man sich dem ganzen Virus aussetzen kann (durch konventionelle Impfung oder Infektion), wenn man sich jetzt schon dank eines kleinen Teils des Virus schützen kann?

Diese Zusammenhänge müssen wir besser erklären. Auch um Ängste bezüglich Langzeitfolgen zu entkräften (siehe Video weiter oben).

Leider zirkulieren Unmengen an Fehlinformationen zu den Impfstoffen. Unsere Regierung, das BAG und die Medien müssen helfen, diese einzuordnen und die Fakten klarzustellen. Unglücklicherweise tun sie häufig das Gegenteil und verstärken irreführende Informationen anstatt sie entschieden zu widerlegen. Beim Versuch, möglichst ausgewogen zu wirken, werden äusserst seltene Vorkommnisse aufgebauscht, Statistiken fehlinterpretiert, und absurden Aussagen wird viel Raum gegeben ohne jeglichen Widerspruch. Immer wieder. Das hinterlässt Spuren in der Bevölkerung und ist mit ein Grund für die im Vergleich zu anderen Ländern tiefen Impfraten in der Schweiz.

Für die allermeisten Menschen überwiegen die Vorteile der Impfung die möglichen Nachteile ganz klar. Nur bei wenigen empfiehlt sich eine Impfung nicht aufgrund von Allergien oder Immunschwächen. Die Betonung der Wichtigkeit der persönlichen Entscheidung und des genauen Abwägens, welche wir ständig von Bundesrat und Medien hören, erwecken den falschen Eindruck, ein Ja oder Nein zur Impfung sei eine ganz schwierige Frage für jeden Einzelnen. Das müssen wir korrigieren.

Unwissende
Eine weitere Gruppe verfügt nicht mal über Fehlinformationen, sondern schlicht über gar keine oder sehr wenige Informationen. “Ich schaue kein Fernsehen. Und mit Politik habe ich sowieso nichts am Hut!”

Dieser Gruppe gehören auch Menschen mit Migrationshintergrund an, die aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse vor allem Informationen aus dem Ausland konsumieren. Offizielle Kommunikation unserer Behörden und Schweizer Massenmedien erreichen sie kaum. Vielen ist nicht einmal bewusst, dass sie sich impfen lassen können. Und selbst wenn sie das wissen, stellt der Anmeldeprozess eine ohne Hilfe unüberwindbare Hürde dar. Die Anmeldung war in einigen Kantonen ja schon schwer zu bewerkstelligen, selbst wenn man mehrerer Landessprachen mächtig ist!

Wir müssen mehr investieren, um diese Bevölkerungsgruppen zu informieren. Unterlagen übersetzen, Videos erstellen, lokale Vereine und Autoritätsfiguren in den Gemeinschaften einbeziehen, etc. Das geschieht glücklicherweise in einzelnen Kantonen bereits. Auch über ihre Arbeitsplätze könnten wir diese Menschen erreichen. Doch etliche Arbeitgeber erlauben ihren Mitarbeitern das Impfen während der Arbeitszeit nicht. Dabei sollten sie ihnen das Impfen doch so einfach wie möglich machen, nur schon aus Eigeninteresse. Wer sich impfen lassen geht, fehlt für eine Stunde bei der Arbeit. Wer an COVID erkrankt, kann Tage, Wochen oder gar Monate ausfallen.

Ein weiterer Schritt, den einige Länder bereits gewählt haben, wäre das proaktive Versenden von persönlichen Impfeinladungen. Alle, die noch nicht geimpft wurden, erhalten per Post einen Impftermin, der verschoben oder abgesagt werden kann. Wir sollten das zumindest mal regional testen. Impfstoff und Termine sollten genügend vorhanden sein und wir würden schnell lernen, wie viele tatsächlich erscheinen.

Trödler
Viele Mitmenschen scheinen nichts gegen die Impfung einzuwenden zu haben, sie kamen schlicht noch nicht dazu, ein Impfzentrum zu besuchen. “Das Impfzentrum liegt nicht am Weg und Parkplätze sind dort auch oft knapp. Zudem möchte ich mich nicht Tage im Voraus auf einen Termin festlegen müssen. Vielleicht möchte ich dann etwas anderes machen.”

Damit sich die Prioritäten dieser Gruppe verschieben, muss ein Leben ohne Impfung für sie unattraktiver erscheinen und/oder das Impfen einfacher werden. Ersteres erreicht eine Zertifikatspflicht oder die Erkenntnis, dass dieses Virus echt gefährlich sein kann für die eigene Gesundheit und die der Liebsten. Zweiteres ermöglichen wir durch unkomplizierte Impfangebote dort, wo Menschen sowieso hingehen. Im Büro, im Supermarkt, auf dem Dorfplatz. Hier brauchen wir mehr Innovation. Das Impfmobil ist ein guter Start. Ein einzelner Impfbus pro Kanton reicht aber nicht in Kantonen wie Bern oder Zürich.

Die Impfung ist wohl das wirksamste und (für den Einzelnen) einfachste Mittel zur Eindämmung dieser Pandemie. Je mehr wir es einsetzen, desto weniger andere Massnahmen sind nötig. Eine hohe Impfquote sollte daher im Interesse aller sein. Und je schneller wir vorankommen, desto mehr Massnahmen und Leid können wir verhindern.

Als Arzt Huldrych Günthard in der “Arena” von letztem Freitag erklärte, dass auch Long Covid zu einem grossen Teil durch die Impfung verhindert werden kann, unterbrach ihn Moderator Brotz: “Ich möchte jetzt hier nicht eine Impfshow aus dieser Sendung machen.”

Weshalb stellt es ein Problem dar, wenn eine Fachperson wie ein Arzt die Bevölkerung über medizinische Fakten aufklärt? Weshalb sieht sich der Moderator genötigt einzugreifen? Weil er auf keinen Fall zu sehr für die Impfung werben will? Dieser zwanghafte Drang, einen Ausgleich zwischen Pro und Contra zu schaffen, ist völlig fehlgeleitet.

Wir sollten Fakten über die Impfung breiter verfügbar machen. Wir sollten Fehlinformationen entschiedener widersprechen. Und wir sollten Impfen so unkompliziert und unaufwendig wie möglich machen, im Interesse aller.

Ich mach mir halt so meine Gedanken. Aktuell zu COVID-19 und den Reaktionen insbesondere in der Schweiz. https://twitter.com/OpaKoebi

Ich mach mir halt so meine Gedanken. Aktuell zu COVID-19 und den Reaktionen insbesondere in der Schweiz. https://twitter.com/OpaKoebi