Wie viele Jahre Pandemie machen wir noch?

Opa Köbi
6 min readJan 10, 2022
“Groundhog Day”: Wir erleben immer wieder dasselbe, wiederholen dieselben Sequenzen. Wie kommen wir raus aus dem Zyklus?

Im Sommer 2020 dachten viele, das sei’s nun gewesen mit der Pandemie. Bücher wurden geschrieben, Filme gedreht. Die Massnahmen seien völlig übertrieben gewesen, das Virus wäre auch ganz von alleine verschwunden.

Dann kam die zweite Welle. Doch bereits Anfang 2021 war die Pandemie wieder kurz vor ihrem Ende. Wir hätten ja die Impfungen und Selbsttests. “Wenn bis Juli alle Impfwilligen geimpft sind, braucht es keine Massnahmen mehr.”, verkündete der Bundesrat. Doch es folgten eine dritte und vierte Welle und weitere Einschränkungen.

Aber dann war die Pandemie definitiv vorbei. Bevor dann die fünfte Welle begann…

Wir hatten nun zum zweiten Mal ein Jahresende mit Rekordwerten bei den Fallzahlen. Die aktuelle Situation sei mit dem Vorjahr aber überhaupt nicht vergleichbar, wurde ständig beteuert.

Wirklich? Der Herbst 2020 und der Herbst 2021 haben einiges gemeinsam. Angefangen bei denselben Behauptungen, die aktuelle Situation sei gar nicht vergleichbar mit früheren Wellen. Doch Gemeinsamkeiten gehen noch viel weiter, sowohl Ende 2020 als auch Ende 2021 geschieht dies:

  • Der Bundesrat macht sich keine Sorgen. Die Lage ist gut, man beobachtet. Die Pandemie steht kurz vor ihrem endgültigen Ende.
  • Die Fallzahlen und Hospitalisierungen steigen unerwarteter Weise plötzlich stark an. Doch kein Grund zur Beunruhigung, ist ja jetzt alles ganz anders und nicht mehr wie früher.
  • Der Bundesrat will einen Lockdown “um jeden Preis verhindern”. Er zögert sogar mit vergleichsweise milden Massnahmen.
  • Der Bundesrat weigert sich vorauszuschauen. Man nimmt es Tag für Tag. Ist immer wieder überrascht von den Entwicklungen. “Die Situation war damals noch eine ganz andere.”, sagt man und bezieht sich auf die Lage vor 2–3 Wochen.
  • Warnungen aus der Wissenschaft werden ignoriert und als Panikmache abgetan.
  • Bundesrat und Kantone schieben Verantwortung hin und her. Niemand will handeln, denn der andere sei zuständig.
  • Spitäler kommen ans Limit, Operationen werden verschoben, zahlreiche Intensivstationen sind voll ausgelastet. Pflegepersonal schuftet Überstunden und versucht verzweifelt, für jeden Patienten noch irgendwo ein passendes Bett zu finden.
  • Schrittweise muss der Bundesrat Massnahmen, die er erst kürzlich noch als unnötig bezeichnet hatte, doch einführen. Doch er tut das zögerlich, langsam und in kleinen Schritten. Die Massnahmen kommen jeweils zu spät und reichen nicht aus, um die Lage ausreichend zu verbessern.
  • Eine neue, deutlich ansteckendere Virusvariante beginnt sich im Dezember in der Schweiz zu verbreiten. Es gibt noch viele Unbekannte.
  • Britische Skitouristen werden in Deutschland und Frankreich nicht reingelassen, daher kommen sie in die Schweiz und bringen die neue Variante mit, die auf der Insel bereits viel stärker verbreitet ist als bei uns. Es folgen Massenausbrüche in Winterskiorten.
  • Kurz vor Weihnachten sieht sich der Bundesrat schliesslich gezwungen, doch weitere Einschränkungen einzuführen.

Überhaupt nicht vergleichbar?! — Nahezu identisch, würde ich sagen. Ob auch dieses Mal Mitte Januar eine weitere Verschärfung der Massnahmen folgt anstatt der angekündigten Aufhebung, wird sich erst noch zeigen.

Wie konnte es passieren, dass wir im zweiten Jahr der Pandemie wieder genau dieselben Fehler machen? Und wiederum eine ähnliche Entwicklung sehen?

Der Hauptgrund liegt bei den Anreizen. Vorausschauende Planung mit Szenarien ist aufwendig und mühsam, die macht niemand gerne. Bei erheblicher Unsicherheit bezüglich der weiteren Entwicklung und der Wirkung potenzieller Massnahmen brauchen Entscheide Weitsicht und Mut — leider knappe Güter. Und wer etwas unternimmt, muss mit Kritik rechnen. Nichts zu tun, ist viel einfacher und weniger riskant.

Der von Politikern viel gelobte Föderalismus bietet stets die Möglichkeit, Verantwortung von sich zu weisen. Man hätte ja etwas machen wollen, konnte aber nicht, weil andere zuständig gewesen seien. Und die behaupten natürlich dasselbe. Und sind alle gottenfroh über diese Strukturen.

Die Grundursache des aktuellen Desasters ist aber noch viel früher zu finden, bei den gewählten Zielen. Der Bundesrat erklärte in den letzten Wochen immer wieder, das Hauptziel sei, so wenige Massnahmen wie nur möglich so spät wie möglich einzuführen. Wir haben zu wenig diskutiert, ob das überhaupt ein sinnvolles Ziel ist.

Würde sich die Feuerwehr als oberstes Ziel setzen, möglichst spät möglichst wenig Wasser zu verwenden? Mit der Erklärung, man wolle kein Wasser verbrauchen, bevor klar ist, wie viele Gebäude genau abzubrennen drohen? Nein, das wäre absurd. Sorgen um den Wasserverbrauch müssen sich viel bedeutenderen Zielen unterordnen.

Auch in der Pandemiebewältigung ist die Minimierung der eingesetzten Massnahmen kein sinnvolles oberstes Ziel. Die zentralen Ziele müssen Resultate sein, nicht Art oder Umfang der Mittel. Zu den Resultaten gehört der Schutz von Gesundheit und Leben. Und auch der von Gesellschaft und Wirtschaft. Natürlich ist eine Art Kosten-Nutzen-Analyse nötig — oder vielleicht besser eine Konsequenzen-Nutzen-Analyse, denn es geht ja nicht nur um Geld. Die Massnahmen müssen so gewählt werden, dass netto das beste erwartete Ergebnis erzielt wird in Bezug auf Gesundheit, Gesellschaft, Wirtschaft (oder ein Bereich von Ergebnissen, abhängig von den Unbekannten der weiteren Entwicklung).

Über Gewichtung dieser drei Dimensionen müssen wir gar nicht lange diskutieren. Meist profitieren oder leiden sie gemeinsam. Tote können nicht gegen Umsatz eingetauscht werden. Zudem ist nur schon die Erkenntnis wichtig, dass der Fokus auf den Resultaten liegen muss, die Massnahmen ergeben sich daraus.

Warum konzentriert sich der Bundesrat stattdessen auf Verzögerung und Minimierung von Massnahmen? Die Grundannahme hinter diesem Vorgehen scheint zu sein, dass wenn wir nichts tun, sich auch nichts verändert. Und wenn wir wenig tun, verändert sich wenig. Doch Nichtstun garantiert nicht den Status Quo. Das ist ein Trugschluss.

Aus der Wirtschaft sind etliche internationale Beispiele von Firmen bekannt, die sich gegen Veränderung wehrten, um den Status Quo zu erhalten. Die Welt hat sich auch ohne ihr Zutun verändert — und sie blieben auf der Strecke. Von Kodak über Nokia bis Blockbuster.

Auch in der Pandemie schützt Nichtstun nicht vor Veränderung. Das mussten beispielsweise Gastronomen feststellen, als massenhaft Weihnachtsessen abgesagt wurden, obwohl die Restaurants geöffnet waren. Oder die Hotellerie, als Nachbarstaaten die Schweiz als Hochrisikoland deklarierten. Die Wirtschaft wird gefährdet durch hohe Viruszirkulation, nicht durch Massnahmen. Aktuell müssen etliche Restaurants und Hotels schliessen, weil zu viel Personal krank ist. Untätigkeit hat nicht vor Veränderung geschützt.

Auch im Klimabereich garantiert uns Nichtstun (resp. Weitermachen wie bisher) nicht den Erhalt des Status Quo. Die Welt verändert sich, auch wenn wir uns nicht anpassen. Nicht nur müssen wir handeln, um zu verteidigen, was wir haben. Nein, wir können unsere Welt sogar noch verbessern, indem wir frühzeitig etwas unternehmen.

So ist es auch in der Pandemie. Nehmen wir zum Beispiel die flächendeckende Installation von Luftfilteranlagen in Schulen. Die wäre gut gewesen für die Wirtschaft! Nicht nur, weil sie Arbeitsplätze geschaffen hätte, sondern auch, weil sie Arbeitsausfälle in allen Branchen reduziert hätte. Kinder hätten sich weniger häufig angesteckt und Eltern hätten weniger oft von der Arbeit fernbleiben müssen, um sich zuhause um ein Kind zu kümmern oder eine eigene Erkrankung auszukurieren.

Die Ergebnisse wären auf allen Dimensionen besser gewesen. Warum haben wir uns dagegen gesträubt? Wegen der Kosten? Auch da wären wir netto wohl besser gefahren.

Wir müssen unsere Ziele dringend überdenken. Und mehr über Szenarien, Resultate, Konsequenzen sprechen. Auch Wegschauen garantiert nicht den Status Quo.

Wir haben immer wieder gehofft, die Pandemie wäre gleich vorbei. Und haben deshalb auf weitere Planung und Investitionen verzichtet — “lohnt sich ja nicht mehr”. Jedes Mal wurden wir eines Besseren belehrt. Schon bald zwei Jahre lang.

Im März 2021 hatte ich geschrieben (in einem Artikel mit dem Titel “Die Pandemie war schon mehrmals gleich vorbei”):

Sollte der Bundesrat recht behalten und die Pandemie ist tatsächlich im Juli vorbei, so würde mich das ausserordentlich freuen. Doch auf einer solchen Hoffnung kann unsere Strategie nicht basieren. Wir müssen uns im Sinne einer Versicherung auch auf eine weniger erfreuliche Zukunft vorbereiten.

Dazu wäre es wertvoll, in Szenarien zu denken und auch bereits konkrete Massnahmen zu entwickeln für verschiedene mögliche Entwicklungen. Und alles daran zu setzen, dass die auch sofort umgesetzt werden könnten, sollten sie tatsächlich nötig werden. Dafür müsste man sich frühzeitig mit den Kantonen abstimmen. Und einige Vorbereitungen bereits jetzt treffen und auch entsprechende Investitionen wagen.

Ja, diese Ausgaben könnten umsonst sein. Die Erfahrung bisher hat aber eher gezeigt, dass wir diese frühen Investitionen dringend benötigt hätten. Bei der Testinfrastruktur. Bei der Kontaktverfolgung. Bei konsequenten Quarantäne- und Isolationskonzepten. Bei der Impfstoff-Bestellung und der Impflogistik. Bei Modellen für Fern- und Hybridunterricht an Schulen. Wir hätten insgesamt Milliarden sparen können, hätte wir vergleichsweise kleine Ausgaben nicht gescheut.

All dies gilt weiterhin. Vielleicht haben wir Glück und die Pandemie ist tatsächlich bald vorbei. Darauf dürfen wir hoffen. Aber es ist verheerend, damit zu rechnen. Wir müssen uns auch auf andere Szenarien vorbereiten. Dazu gehören auch weitere neue Virusvarianten, die unsere Immunabwehr noch besser zu umgehen vermögen als Omikron — und vielleicht auch deutlich weniger “mild” sind. Die Häufigkeit von Pandemien droht zuzunehmen und wir könnten uns schon in wenigen Jahren mit einem ganz neuen Erreger konfrontiert sehen. Auch dafür sollten wir uns vorbereiten.

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Opa Köbi

Ich mach mir halt so meine Gedanken. Aktuell zu COVID-19 und den Reaktionen insbesondere in der Schweiz. https://twitter.com/OpaKoebi