Die Pandemie war schon mehrmals gleich vorbei

Opa Köbi
8 min readMar 29, 2021
Sehen wir erneut Licht am Ende des Tunnels? (Dmitry Knorre / Dreamstime.com)

In den letzten Wochen vermittelten die bundesrätlichen Ankündigungen den Eindruck, die Pandemie sei so gut wie vorbei. Jetzt kommen Massen- und Selbsttests. Bis Ende Juni sind alle geimpft. Wir können bald alles öffnen.

Optimismus nehme ich niemandem übel. Auch ich kann es kaum erwarten, diese Epidemie und die Massnahmen endlich hinter uns zu lassen. Doch wir dürfen jetzt nicht nachlässig werden, aus drei Hauptgründen:

  • Erstens stecken sich weiterhin jeden Tag mehrere tausend Menschen in der Schweiz mit SARS-CoV-2 an. Viele von ihnen werden auch in Monaten oder vielleicht gar Jahren noch an Beschwerden leiden. Ein Teil wird auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen müssen. Und einige werden diesen Kampf verlieren. Unser Optimismus mindert all dieses Leid nicht.
  • Zweitens steigen die Fallzahlen exponentiell an. Es ist zu befürchten, dass Hospitalisations- und Todeszahlen ihnen bald folgen werden. Die bereits durchgeführten Impfungen vermögen die Virusverbreitung nicht ausreichend zu bremsen. Es ist zu hoffen, dass sie wenigstens einen Teil der schweren Verläufe bei den Senioren verhindern können. Selbst wenn der Impfplan eingehalten werden kann, ist mit einem deutlichen Anstieg der bestätigten Infektionen, Hospitalisationen und Todesfälle zu rechnen — falls wir nicht zusätzliche Eindämmungsmassnahmen ergreifen. Ob tatsächlich alle Impfwilligen bis Ende Juni ihre erste Dosis erhalten haben werden, ist fraglich. Bisher haben die zuständigen Behörden keine Gelegenheit ausgelassen, erschreckende Inkompetenz an den Tag zu legen.
  • Drittens haben wir es nun mit einem neuen Virus zu tun, das nicht mehr dasselbe ist wie im Herbst. Es ist nicht nur signifikant ansteckender, sondern auch tödlicher. Es ist nun deutlich schwieriger, das Virus in Schach zu halten, was strengere Einschränkungen nötig machen wird, wenn wir Fallzahlen senken oder auch nur stabilisieren wollen. Weitere Mutationen könnten auch Impferfolge unterlaufen und uns vor ganz neue Herausforderungen stellen. Selbst wenn eines Tages 5 Millionen in der Schweiz geimpft sind, wird das Virus nicht verschwinden. Eine Impfquote von unter 60% wird bei weitem nicht ausreichen, um Herdenimmunität zu erlangen.

Der Bundesrat scheint sich für eine Strategie entschieden zu haben, die bestehende Massnahmen beibehält, aber keine weiteren Schritte unternimmt, die Virusverbreitung zu bremsen. Die Kriterien für Verschärfungen, welche der Bundesrat selbst definiert hatte, haben bereits eine erste Aufweichungsrunde hinter sich. Zudem sind sie in keiner Weise verpflichtend. Der Bundesrat hat keinerlei Zahlen kommuniziert, bei deren Erreichung er definitiv zu handeln gedenkt. Die Lage kann noch beliebig schlimm werden.

Unterdessen geben auch einige Massnahmenkritiker unumwunden zu, dass rückblickend ein kurzer, aber harter Lockdown im Herbst die bessere Wahl gewesen wäre. Doch nun sei es zu spät für entsprechende Schritte, sowas würde die Bevölkerung nicht mehr mitmachen. Mit genau derselben Argumentation haben wir bereits mehrere Chancen verpasst, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Und uns jedes Mal mehr von dem beschert, was wir vermeiden wollten.

Natürlich sind wir viel zu spät dran. Damit bin ich ja einverstanden. Doch später sind wir noch mehr zu spät. Die Pandemie war schliesslich schon mehrmals gleich vorbei. Eine Übersicht über die zahlreichen Enden der Pandemie, die wir bereits erlebt haben:

Die Pandemie war im Frühling vorbei

Nach dem ersten Lockdown im Frühling 2020 wollten wir alles schnell wieder öffnen. Schliesslich hatte die Bevölkerung genug gelitten. Geduld hatten wir keine. “Alles öffnen! Jetzt!” Denn auch die Wirtschaft konnte sich überhaupt keine Einschränkungen mehr leisten.

Alle seien falsch gelegen, erklärte Beda Stadler in der Weltwoche. “Das Coronavirus verzieht sich allmählich.”, “Die Immunantwort gegen das Virus ist viel stärker, als man dachte.”. Und der ist schliesslich Immunologe.

Weil die Pandemie vorbei war, wollten wir uns nicht mehr einschränken. Wir wären besser vorsichtig gewesen und hätten schrittweise gelockert. In gezielte Massnahmen wie Testen, Kontaktverfolgung, Isolation und Quarantäne wollten wir auch nicht investieren, trotz entsprechender Ratschläge der Experten. “Ziel der Strategie ist es, die Anzahl neuer Infektionen jederzeit niedrig zu halten. Eine niedrige Fallzahl ist die effektivste und für die Wirtschaft und Gesellschaft zuträglichste Art, die SARS-CoV-2 Epidemie in der Schweiz unter Kontrolle zu behalten.”, schrieb die wissenschaftliche Taskforce damals in ihren Empfehlungen.

Rückblickend leuchtet es hoffentlich jedem ein, wie richtig die Taskforce damals lag. Wir hatten im Juni etwa 30 bestätigte Fälle pro Tag. Die hätten wir nur stabilisieren müssen oder hätten sie gar mit wenigen Massnahmen auf null drücken können. Doch damals wollten wir es nicht hören. War ja alles nicht mehr nötig. “Wir können Corona.”, haben wir gejubelt.

Die Pandemie war im Sommer vorbei

Im Sommer stiegen die Fallzahlen exponentiell an. Zwar noch auf tiefem Niveau, aber trotzdem exponentiell. Der Bundesrat kündigte dessen ungeachtet weitere Lockerungen an, wollte gar Grossveranstaltungen wieder zulassen.

Die Taskforce warnte vor einer zweiten Welle. Vor deutlich mehr Toten als bisher. “Sofortiges Handeln ist unerlässlich, um größere Schäden für Gesundheit, Gesellschaft und Wirtschaft abzuwenden.”, schrieb die Taskforce im Juli. Und weiter: “Es ist äusserst wichtig, rasch zu reagieren. Wenn die Massnahmen zu spät eingeführt werden, erschwert dies die Kontrolle der Epidemie und die Vermeidung einer zweiten Welle. In der Folge nehmen die negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft dramatisch zu.”

Doch das wollten wir nicht hören. Die Pandemie war schliesslich vorbei. Sogar vergleichsweise milde Massnahmen wie das Tragen von Masken im öffentlichen Verkehr erschienen vielen übertrieben. “Für immer und ewig Maken (sic) tragen? Welcome to Niqab for everybody?”, twitterte die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr Mitte Juli und hoffte auf baldige Aufhebung dieser Massnahme. Wie viele in ihrem Metier hatte auch sie den Ernst der Lage nicht erkannt.

Rückblickend leuchtet es hoffentlich jedem ein, wie gut es uns ergangen wäre, wenn es bei Masketragen und ein paar weiteren harmlosen Massnahmen geblieben wäre. Aber dafür hätten wir diese ernst nehmen müssen. Doch das war uns zu viel.

Die Pandemie war im Herbst vorbei

Im Herbst stiegen die Fallzahlen deutlicher an. Darauf angesprochen, meinte Bundesrat Berset “Ich mache mir keine Sorgen.”. Die Situation sei “überhaupt nicht vergleichbar” mit der vom März. “Das Contact Tracing funktioniert. Wir brauchen gute Schutzkonzepte.”

In einem Punkt sollte er recht behalten: Die Situation war mit der im März überhaupt nicht vergleichbar. In der ersten Welle sind laut BAG etwas über 1'700 Menschen gestorben. In der zweiten Welle waren es über 7'000. Doch das gelobte Contact Tracing war schnell überlastet. Und die Schutzkonzepte hatten diesen Namen nie verdient.

Selbst als etwa 500 neue Fälle pro Tag Anfang Oktober zu 3'000 Mitte Monat wurden und schliesslich zu 9'000 Ende Monat, war der Bundesrat nicht bereit, weitgehende Massnahmen zu ergreifen. Die Pandemie war ja vorbei und einen zweiten Lockdown wollte Berset “um jeden Preis verhindern”.

Wir wissen unterdessen, was dieser Preis war. Im Oktober hätten wir die Fallzahlen mit einem kurzen, aber ernsthaften Lockdown auf das Niveau vom Frühling senken können. Wir hätten Tausenden das Leben retten können. Zigtausende von Langzeitbeschwerden verschonen. Den Restaurants, Bars, Cafés, Clubs und Kulturbetrieben monatelange Schliessungen ersparen.

Die Bevölkerung hatte einen unbeschwerten Sommer hinter sich. Unsere Energiereserven waren voll aufgeladen. Wir hätten wenige Wochen der Entbehrung gut verkraften können.

Stattdessen leiden wir nun seit Monaten an zermürbenden Einschränkungen und verwirrender, inkonsistenter Kommunikation. Ein Ende der Massnahmen ist nicht in Sicht, es gibt keine klaren Perspektiven, keine gemeinsamen Ziele. Für einen strengen Lockdown könnte man jetzt kaum mehr Begeisterung finden.

Diese Entwicklung war absehbar. Rückblickend muss heute jedem einleuchten, dass ein richtiger Lockdown im Herbst die bessere Wahl gewesen wäre. “Switzerland needs a lockdown as soon as possible. There’s no other way.”, schrieb die Virologin Isabella Eckerle Ende Oktober. Zahlreiche Experten waren sich mit ihr einig. “Jeder Tag zählt.”, mahnte die Taskforce.

Die Pandemie war im Winter vorbei

Als die täglichen Gesamtfallzahlen im Januar und Februar sanken, forderten diverse Kreise schnelle und weitgehende Öffnungen. Darunter nicht nur Teilnehmer von Online-Petitionen und Wirtschaftsverbände, sondern auch der Nationalrat. Nach der Gesundheitskommission und der Wirtschaftskommission forderte auch eine Mehrheit des Gesamtnationalrates eine Öffnung ab dem 22. März — und zwar unabhängig von der epidemiologischen Lage.

Die Pandemie war schliesslich vorbei. Fallzahlen sanken doch. Wir jubelten erneut zu früh, obwohl uns die wissenschaftliche Taskforce bereits Ende Dezember die zu erwartende Dynamik erklärt hatte: Gesamtfallzahlen würden erst abnehmen, aber zwischen Mitte Februar und Anfang März erreichen wir einen Wendepunkt, ab welchem sie wieder zunehmen. Denn die sinkenden Fallzahlen der alten Variante verdecken für eine Weile den rasanten Anstieg der ansteckenderen neuen Varianten.

Dieser Wendepunkt kam am 23. Februar. Gesamtfallzahlen im 7-Tage-Schnitt stiegen ab diesem Datum wieder an. Spätestens da hätten bei uns alle realisieren sollen, dass an den Szenarien der Taskforce vielleicht etwas dran ist.

Rückblickend muss jedem einleuchten, dass wir uns nicht hätten auf die Schultern klopfen sollen wegen der erfolgreichen Eindämmung der alten Variante. Wir hätten unser Augenmerk von Januar an nur auf die neuen Varianten legen sollen — denn die würden innert Kürze das Bild dominieren.

Bei einem exponentiellen Anstieg der Fallzahlen der neuen Variante Lockerungen zu fordern und diesen Anstieg weiter zu beschleunigen, ist völlig abwegig.

Bundesrat und Kantonsregierungen ignorieren seit einem Jahr die Empfehlungen der Wissenschaft. Stattdessen glänzen sie immer und immer wieder mit ungerechtfertigtem Optimismus und groben Fehleinschätzungen. Sie verhalten sich, als würden in der Folgewoche Wahlen anstehen und sie müssten die Bevölkerung nur noch ein paar Tage bei Laune halten, um sich Stimmen zu sichern. Nachher kann die Sintflut kommen.

Wie oft kann man als Bundesrat rosige Versprechungen machen, dann der Katastrophe untätig zuschauen und schliesslich einfach mit den Schultern zucken und wieder von vorne beginnen ohne dazuzulernen?

Es scheint keine Scham mehr zu geben. Damit hat ein Kernprinzip des Trumpismus die Schweiz erreicht. Auch Trumps Ankündigung “It’ll go away in April.” (welche sich auf April 2020 bezog) hat der Bundesrat übernommen — wie gewohnt bei Strategien aus dem Ausland mit reichlich Verspätung. Er verkündet jetzt sozusagen “It’ll go away in July.”.

Sollte der Bundesrat recht behalten und die Pandemie ist tatsächlich im Juli vorbei, so würde mich das ausserordentlich freuen. Doch auf einer solchen Hoffnung kann unsere Strategie nicht basieren. Wir müssen uns im Sinne einer Versicherung auch auf eine weniger erfreuliche Zukunft vorbereiten.

Dazu wäre es wertvoll, in Szenarien zu denken und auch bereits konkrete Massnahmen zu entwickeln für verschiedene mögliche Entwicklungen. Und alles daran zu setzen, dass die auch sofort umgesetzt werden könnten, sollten sie tatsächlich nötig werden. Dafür müsste man sich frühzeitig mit den Kantonen abstimmen. Und einige Vorbereitungen bereits jetzt treffen und auch entsprechende Investitionen wagen.

Ja, diese Ausgaben könnten umsonst sein. Die Erfahrung bisher hat aber eher gezeigt, dass wir diese frühen Investitionen dringend benötigt hätten. Bei der Testinfrastruktur. Bei der Kontaktverfolgung. Bei konsequenten Quarantäne- und Isolationskonzepten. Bei der Impfstoff-Bestellung und der Impflogistik. Bei Modellen für Fern- und Hybridunterricht an Schulen. Wir hätten insgesamt Milliarden sparen können, hätte wir vergleichsweise kleine Ausgaben nicht gescheut.

Der Bundesrat muss jetzt in die Entwicklung einer NoCovid-Strategie für die Schweiz investieren. Ja, dafür ist es viel zu spät, einverstanden. Wir hätten das schon deutlich früher machen sollen. Doch später sind wir noch mehr zu spät.

Sollte die Pandemie nicht wie erhofft im Juli verschwinden — oder gar noch deutlich schlimmer werden — so werden wir neue Ansätze benötigen (respektive endlich die umsetzen müssen, welche die Wissenschaft schon lange empfiehlt). Zu denen können wir uns nicht erst im Juli Gedanken machen, das muss jetzt geschehen.

Zudem: In Bezug auf neue, eventuell impfresistente Mutanten, die es noch gar nicht gibt, ist die Schweiz voller Grüner Zonen. Eine beneidenswerte Position, nach der wir uns vielleicht in ein paar Monaten zurücksehnen werden. Und diese Grünen Zonen haben wir ganz ohne Lockdown geschaffen! Wie werden wir diese Grünen Zonen verteidigen, damit wir ihren Status mit gezielten lokalen Massnahmen erhalten können und nicht eines Tages wieder Lockdowns fürs ganze Land benötigen?

Das müssen wir uns bereits heute überlegen. Verschiedene Lösungsvorschläge ausdiskutieren. Uns auf ein Vorgehen einigen. Entsprechende Vorbereitungen treffen. Damit wir schnell reagieren können, wenn der Grüne-Zonen-Status einer Region in Gefahr gerät.

--

--

Opa Köbi

Ich mach mir halt so meine Gedanken. Aktuell zu COVID-19 und den Reaktionen insbesondere in der Schweiz. https://twitter.com/OpaKoebi